Das Oratorio di San Michele zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten Sakralbauten Paduas. Die 1397 errichtete Kapelle liegt nur wenige Schritte von der mittelalterlichen Festungsanlage Torlonga außerhalb der ehemaligen Stadtmauern entfernt. Berühmt ist das Oratorium vor allem für seinen außergewöhnlich gut erhaltenen Freskenzyklus des Malers Jacopo da Verona (ca. 1355–1443), eines bis heute nur teilweise erforschten Künstlers der Spätgotik.
Errichtet wurde das Gebäude auf den Resten der antiken Kirche Santi Arcangeli im Auftrag von Pietro di Bartolomeo de Bovi, nachdem der Vorgängerbau 1390 während der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Visconti und den Carraresi durch einen Brand beschädigt worden war. Eine im Innenraum angebrachte Inschrift dokumentiert Bauherr, Künstler und Errichtungsdatum. Die Widmung an den Erzengel Michael verweist auf die lombardische Tradition, ihn nach dem Sieg über die Byzantiner als Schutzpatron Italiens zu verehren.
Freskenzyklus und kunsthistorische Bedeutung
Das Innere des Oratoriums wird von einer vollständig ausgemalten Kapelle dominiert, deren Fresken Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria darstellen. Jacopo da Verona verbindet darin stilistische Elemente bedeutender Meister des 14. Jahrhunderts, darunter Giotto di Bondone, Jacopo Avanzi, Giusto de‘ Menabuoi und Altichiero da Zevio. Besonders die Nähe zu Giusto de’ Menabuoi zeigt sich in der differenzierten Raumdarstellung und der gezielten Blickführung. Von Giotto übernimmt da Verona die plastische Modellierung der Figuren durch Hell-Dunkel-Kontraste sowie den charakteristischen Einsatz intensiver Himmelsfarben.
Hervorzuheben ist die virtuose Verbindung verschiedener Stiltraditionen, etwa in den Darstellungen von Himmelfahrt und Pfingsten. Während Hintergrundlandschaften teils bewusst flächig gehalten sind, zeichnen sich Flora, Fauna und Physiognomien durch bemerkenswerte Detailgenauigkeit aus. In der Szene der Prozession der Könige lassen sich zeitgenössische Bezüge zur politischen Elite Paduas erkennen, darunter Porträts von Francesco I da Carrara und Francesco II da Carrara. Die häufige Profilansicht der Figuren verbindet sich mit einer ausgeprägten Lebendigkeit, die auf die giotteske Tradition zurückgeht.
Restaurierung und UNESCO-Kontext
Nach einer Phase des Verfalls wurde das Oratorium 1815 geschlossen. Dem Engagement des Adligen Tommaso Soranzo ist der Erhalt der Fresken zu verdanken. Nach umfassender Restaurierung erfolgte 1871 die Wiedereröffnung. Weitere konservatorische Maßnahmen im 20. Jahrhundert – darunter die Sicherung der Fresken auf Trägerplatten und technische Lösungen gegen aufsteigende Feuchtigkeit – ermöglichten schließlich die dauerhafte Zugänglichkeit. Nach erneuten Restaurierungen wurde das Oratorium 2015 wieder für Besucher geöffnet.
Heute ist das Oratorio di San Michele Teil des UNESCO-Kandidaturprojekts „Urbs Picta“, das die außergewöhnliche Freskenkunst Paduas würdigt. Äußerlich zeigt sich das Gebäude schlicht: Lanzettfenster und ein Rosettenfenster strukturieren die Fassade, während Blendarkaden den Giebel mit aufgesetztem Kreuz betonen. Im Inneren kontrastiert diese Zurückhaltung mit der reichen Freskendekoration und dem geometrisch gestalteten Fußboden.
Lohnt sich ein Besuch?
Ein Besuch lohnt sich sogar sehr, denn das Oratorium ist übersät von herrlichen Fresken. Ich hatte das Glück, das Gebäude allein zu bestaunen, denn die meisten Touristen zieht es in die Basilika des Heiligen Antonius. Für mich gehört das Oratorium zweifelslos zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Padua.
Besuchsinformationen
- Adresse: Riviera Tiso da Camposampiero 32, Padua
- Telefon: +39 049 660836
- Web: www.padovanet.it/informazione/oratorio-di-san-michele
- Öffnungszeiten: Di–Fr vormittags, Sa–So nachmittags
- Eintritt: symbolischer Beitrag